Nichts für Weicheier: Mit dem Fahrrad auf den Mont Ventoux

Eine Suchanfrage bei Google mit den Begriffen Mont Ventoux und Rennrad ergibt 61.400 Ergebnisse. Wer das Wort ,,gescheitert“ hinzufügt, erhält keinen einzigen Volltreffer mehr. Das wird sich mit diesem Beitrag ändern.

Ich habe versucht, den 1912 Meter hohen Wächter der Provence auf zwei dünnen Reifen zu bezwingen – und bin gescheitert. Zum Verständnis meines Vorhabens möchte ich ein wenig ausholen. Ich bin von Kindesbeinen an sportlich, habe auch Sport auf Lehramt studiert und bin bis heute immer sportlich aktiv gewesen. Natürlich steht die Form in umgekehrter Relation zum Körpergewicht. Ballsportarten sind mein Ding. Radfahren ebenso, aber dann nicht die Hardcore-Ausdauervariante, sondern eher kurz und knackig.

Die Idee des Anstiegs auf den Mont Ventoux kam mir Pfingsten vor einigen Jahren. Da waren wir mit dem Cabrio von Malaucène aus auf den Gipfel geflogen und hatten uns oben über die vielen Radfahrer gewundert. Es kamen sogar Omas mit dem Citybike heraufgekeucht. Wie sich herausstellte, hatte die holländische Organisation ,,Klimmen gegen MS“ tausende Radfahrer auf die Straße gebracht und den Event gegen die Erkrankung an Muskelschwund organisiert. (https://deelnemers.klimmentegenms.nl)

Da dachte ich mir, dass ich das auch schaffen könne. Schließlich hatte ich auf meiner Tacx-Computerrolle die Strecke schon oft im Film bezwungen. In diesem Jahr hatten Freunde ein Haus in Le Barroux gemietet: ,,Kommt doch vorbei, dann könnt Ihr von hier aus auf den Mont Ventoux fahren,“ lautete die freundliche Einladung. Nach einem Abend mit Rose und provenzalischer Küche ging es nach dem Frühstück gegen neun Uhr los. Ich wählte die Anfahrt über den ,,La Madeleine“, der glücklicherweise hier als D19 nur knapp über 400 Meter hoch ist … Weiter ging es über Bedoin, wo nach dem Abzweig links die Königsauffahrt auf mich wartete: gut 1600 Höhenmeter bei einer Länge von knapp 22 km. Die ersten vier Kilometer sind noch erfreulich flach, ehe die Prozente schnell mal auf 11 bis 12 Prozent ansteigen.

Meine Frau hatte sich – wie ich heute glaube schon mit Hintergedanken – angeboten, mich auf ihrem Ebike zu begleiten. Um Gewicht zu sparen hatte ich ihr meine zusätzliche Trinkflaschen und Verpflegung mitgegeben. Sie lagen in ihrer Gepäcktasche neben ihrem Ersatzakku …

Durch die sanften Weinfelder mit Blick auf die Sendeanlage hoch droben in der Mondlandschaft ging es locker bergan. Les Heritiers, Les Vendrans, Flassan – alles kein Problem. Herrlich bei Sonnenschein und wenig Wind zu genießen. Dann geht es in den Wald – und es kommt die Steigung. Unnötig zu erwähnen, dass schon lange der kleinste Gang mit 34/28-Übersetzung eingelegt war. Eine Pedalumdrehung ergibt beim 28er Rennrad einen Weg von 2,71 Metern. Eindeutig zu lang und zu schwer für mich. Mein Puls geht in den roten Bereich, wenn ich aus dem Sattel steige. Bleibe ich sitzen, platzen mir die Oberschenkel. Und Ausruhen ist nicht. Auf den 22 Kilometern zum Gipfel gibt es nicht eine einzige Stelle, an der man mal kurz rollen lassen könnte. Wer aufhört zu treten, fällt um.

Zu allem Überfluß war meine Göttergattin mittlerweile außer Sichtweite, weil sie nicht so langsam den Berg hochkriechen konnte. Mittlerweile schafften es meine Tachowerte nicht mehr in den zweistelligen Bereich, sondern blieben deprimierend einstellig, Tendenz ständig fallend.

Alleine am Berg, auf dem Trockenen, da mittlerweile ohne Wasser, machte der Anstieg nun gar keinen Spaß mehr. Zwar trösteten mich die deutlich jüngeren Radfahrerinnen und Radfahrer, die ebenfalls ihre Räder den Berg hochschoben, aber so richtig machte das für mich keinen Sinn. Also entschied ich mich am Chalet Reynard, ein Bier zu trinken und für heute vom Rad zu steigen.

Wenige Meter bergauf in der kahlen Mondlandschaft mahnt der Tom-Simpson-Gedenkstein, es nicht zu übertreiben. Wer mit 53 Jahren mehr als drei Stunden im roten Bereich dreht, sollte auf seinen Körper hören und keine bleibenden Schäden riskieren.

Und meine Frau? Sie schaltete in Stufe fünf und radelte relativ entspannt dem Gipfel entgegen. Die meisten Rennradfahrer schauten etwas irritiert, als eine Frau in den besten Jahren auf dem gut getarnten E-Mountainbike an ihnen vorbeizog. Aber eigentlich ist das auch egal, denn am Berg des Windes kämpft sowieso jeder alleine mit sich selbst.

Ich habe mir für mein Scheitern eine Erklärung – keine Ausrede – zurechtgelegt. Ich war nach einer Meniskusoperation, der ich mich zehn Wochen vorher unterzogen hatte, noch nicht richtig fit und hatte auch ein paar Kilos mehr auf den Rippen als zu dieser Jahreszeit üblich. Die Anfahrt über den kleinen La Madeleine hätte ich mir auch schenken sollen, denn warm wurde mir eh schnell genug.

Würde ich das Abenteuer noch einmal wagen? Ich sage nie nie. Wenn sich die Gelegenheit ergibt und ich richtig fit bin, würde ich den Aufstieg noch einmal versuchen – mit großem Respekt und im vollen Bewußtsein einer langen Qual.

Aber muß ich mir mit einem erfolgreichen Anstieg etwas beweisen? Fühlt sich mein Leben anders oder besser an, wenn ichs geschafft habe? Ich glaube nicht wirklich.

Bei meiner Frau sieht die Lage anders aus. Sie würde jederzeit wieder mit dem Ebike den Mont Ventoux hochstrampeln und sucht noch eine passende Begleitung …

© Fotos (alle): Norbert Küpping
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