Wien: Wenn der Fiaker sich als Nazi entpuppt

Wien – weltoffen und charmant

Wien – das ist Sisi, Sachertorte, Stephansdom und der Schmäh. Ein Besuch der 1,9 Millionen Metropole an der Donau gehört touristisch zu den Höhepunkten eines jeden Globetrotters. Nicht umsonst hat Wien 2017 mit 15,5 Millionen Gästenächtigungen einen neuen Rekord aufgestellt. Erstmals waren 2017 über sieben Millionen Gäste in der Stadt. Auch der Umsatz der Beherbergungsbetriebe ist auf mehr als 750 Millionen Euro gewachsen. Wiens Tourismuswirtschaft ist Arbeitgeber für rund 93.000 Menschen.

Ansicht Schloss Schönbrunn
Schloss Schönbrunn – bekannt durch Sisi und Franz

Rund 82 Prozent der Wiener Gäste kommen aus dem Ausland. Die meisten stammen aus Deutschland, das erstmals mehr als drei Millionen Nächtigungen erreichte. China rückte mit zweistelligen Wachstumsraten auf Platz 7 vor. Hohe Wachstumsraten gab es ebenfalls bei den Gästen aus Russland, den USA sowie Frankreich. Acht Mal in Folge bescheinigte Mercer Wien, die weltweit lebenswerteste Stadt zu sein.

 

Wer die österreichische Hauptstadt besucht, ist begeistert vom unaufdringlichen Charme der Metropole. Geschichte und Kultur mischen sich hier zu einer harmonischen Aura. Man ist entspannt, genießt die Stadt, die Leute, die Bauten, die Kultur und natürlich das kulinarische Angebot, das vom größten Wiener Schnitzel beim Figlmüller bis zum Punschdessert im Sacher-Eck reicht. Dazu wird ein grüner Veltliner gereicht – oder ein Chardonnay, ein Muskateller oder oder oder …

Und natürlich gehört zu einem perfekten Wienbesuch nicht nur die Hofburg, die Staatsoper und das Rathaus, sondern auch eine Runde mit dem Riesenrad im Prater und die Stadtrundfahrt im Fiaker.

 

Eine peinliche Tour im Fiaker –

wenn nicht nur die Pferde braun sind

Wir – zwei Pärchen mitten in den 50ern – hatten Glück. Am Stephansdom wurde uns ein freier Kutscher zugewiesen, der mit seiner gelben (nicht rosaroten) Brille sofort ins Auge fiel. Er bot uns drei Touren für 50, 80 und 110 € an. Wir entschieden uns für die mittlere Runde, die mindestens 40 Minuten dauern sollte. Mit der für Wien charakteristischen Geräuschkulisse, dem gemütlichen Klappern von Pferdehufen auf städtischem Pflaster, zockelte die Fuhre (Platznummer 45, F-222) sanft los. Nach wenigen Metern erreichten wir die Ankeruhr. Der Kutscher, der sich namentlich nicht vorgestellt hatte, erklärte uns Bauzeit (1911 – 1914) Ausmaße (10 x 7 Meter) und Durchmesser (4 Meter).

Gleich daneben befindet sich der Vermählungsbrunnen. Er ist der Vermählung von Jesus Eltern, Maria und Josef, gewidmet. Eine Bemerkung unsererseits, dass wir von der Vermählung der Jesu-Eltern bislang noch gar nichts gehört hätten und ob die Darstellung vom venezianischen Bildhauer Antonio Corradini bibeltreu sei, nutzte unser Kutscher kurzerhand für einen Ausflug in die Religionslehre. ,,Die größten Kriegstreiber in der Geschichte sind die Katholiken. Keine andere Religion hat so viele Tote und Kriege verursacht. Und der Papst will uns Österreichern nun 300 Millionen Flüchtlinge aus Afrika aufs Auge drücken. Der soll doch die Frau Merkel heiraten, die der Untergang für Euch Deutsche ist.“

Mit einem Schlag ist die Fiakerfahrt für uns kein Vergnügen mehr. Und das erst Recht, als wir an der ungarischen Botschaft vorbeirollen. ,,Die ist von Herrn Orban – das ist noch ein echter Kerl.“ Auf dem Heldenplatz läuft der Kutscher zu großer Form auf: ,,Hier sehen Sie die Reiterstatue von Prinz Eugen, der von uns Österreichern sehr geliebt wird, weil er vielen Türken den Kopf abgeschlagen hat.“

Danach erstirbt die Konversation in der Kutsche, weil wir den Schluß der Rundfahrt herbeisehnen. Im Schatten des Stephansdoms übergeben wir den vereinbarten Obolus von € 80 und machen den Kutscher darauf aufmerksam, dass wir ihm wegen der fremdenfeindlichen, rassistischen Äusserungen kein Trinkgeld geben.

 

Was ist richtig – was ist falsch?

Beim anschließenden Stück Sachertorte diskutieren wir unser Erlebnis. Hätten wir die Fahrt nach der Beleidigung unserer Religion und unserer Kanzlerin direkt abbrechen sollen? Hätten wir dem Nazi auf dem Kutschbock direkt widersprechen und aussteigen sollen? War das verweigerte Trinkgeld eine ausreichende Reaktion?

Die Fiakerfahrt jedenfalls bleibt uns in unangenehmer Erinnerung. Wegen unseres eigenen Verhaltens und wegen der aggressiv geäußerten Fremdenfeindlichkeit eines Mannes, der vom Tourismus lebt.

Wir sind zu dem Entschluß gelangt, diesen Vorfall publik zu machen – und zwar im Netz und persönlich. Falls es eine Beschwerdestelle der Fiaker-Innung gibt (wir suchen noch danach), so wollen wir diese informieren – oder den Bürgermeister oder die Tourist-Info.

Ein wenig zu dieser Entscheidung beigetragen hat auch die wieder belebte, regelmäßige Donnerstags-Demo in Wien gegen Rechts. Der Ausruf aus 20.000 Kehlen ,,Nazis raus“, der uns beim Gang durch den nächtlichen Volksgarten begleitete, weckte leider Erinnerungen an längst überstanden geglaubte Zeiten. Und das ausgerechnet in Wien.

© Text und Fotos: Norbert Küpping

 

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