Wir fahren Ebike – sind wir jetzt alt?

So langsam können es unsere Freunde auf Parties nicht mehr hören. Sobald das Thema aufs Fahrradfahren kommt, sprudelt die Begeisterung aus uns heraus: ,,Ja – wir fahren Ebike – und das aus Überzeugung.“

Eigentlich fühlen wir uns noch relativ jung und aktiv – und wollen noch nichts zu tun haben mit dem Rentner-Image, dass die elektrisch unterstützten Fahrräder häufig noch haben. Wer Pedelec sagt, meint oft den aufrecht auf seinem Drahtesel sitzenden Rentner, der von seinem Mittel- oder Frontmotor schneller gezogen wird, als ihm eigentlich lieb ist. Fahrradbeherrschung oft Fehlanzeige.

Dabei durchlebt das Fahrrad in den letzten Jahren einen echten Imagewandel. Der schnöde Drahtesel ist vielen nicht mehr genug. Das Zweirad wird zunehmend zum Statussymbol und Ausdruck der Persönlichkeit. Lässig, jung, urban – so wünscht sich das die Fahrradindustrie.

Zeigen, was man hat. Zeigen, wer man ist. Das ist die Maxime. Das Fahrrad entwickelt sich zur Wohnzimmer-Dekoration oder zum Lebenstraum-Verwirklicher. Der Trend zum Fahrrad als Ausdruck des Lebensstils wird immer perfekter von den Herstellern bedient, immer kleinere Nischen werden mit passender Technik versorgt.

Ausgerechnet die E-Bikes erleben dabei mit die spannendste Neu-Interpretation. Nach einer anfänglichen Phase der Skepsis und Ablehnung als Reha- und Hilfsmittel, die dazu führte, dass Akkus und Motoren möglichst versteckt wurden, steht man heute dazu. Im Kollegenkreis werden heutzutage Wattzahl und Reichweite der Elektrobikes diskutiert, so wie früher die PS-Zahlen der Autos.

Auf den Geschmack gekommen sind wir im Herbsturlaub in den Alpen. Noch ein Jahr zuvor hatten wir uns mit den Kindern auf normalen Mountainbikes die Berge hochgequält. Der Hilferuf unser jüngsten Tochter – ,,Ich spucke Blut“ – war mittlerweile zum geflügelten Wort geworden. In diesem Jahr hatte sich der Fahrradverleih mit modernen E-Mountainbikes eingedeckt und uns vier passende Exemplare überlassen. Nach einer kurzen Proberunde ging es den Berg hinauf Richtung Almwirtschaft. Und während sonst der Schweiß in Strömen lief und die Luft immer dünner wurde, erreichten wir die Alm bester Dinge. Wir genossen den Anstieg über Forstwege entlang eines Gebirgsbaches, bei stärkeren Steigungen wurde eine höhere Unterstützungsstufe gewählt, immer mit dem bangen Blick auf die Ladeanzeige des Akkus. Doch das Elektroherz entpuppte sich als erstaunlich ausdauernd – so ergiebig, dass wir uns beim Erreichen der Berghütte spontan entschlossen, nicht abzusteigen: ,,Wir fahren durch zum Gletscher.“

Wieder daheim auf der Suche nach einem schicken Weihnachtsgeschenk für meine Gattin kam mir die Idee, ihr Mountainbike zum Ebike umzurüsten. Wir hatten uns vor wenigen Jahren zwei identische Focus-Mountainbikes gekauft, um damit durch die Wälder zu räubern. Eines könnte ich ja umrüsten und unter den Weihnachtsbaum legen. Also durchkämmte ich das Internet und bestellte einen passenden Umbausatz, der nach drei Stunden Arbeit auch hervorragend funktionierte. Das Geschenk kam super an und bei unserer ersten gemeinsamen Ausfahrt über knapp 40 Kilometer hechelte ich meiner entspannt dahingleitenden Göttergattin mit hängender Zunge hinterher, während ich den Rückweg mit regelmäßig verlorenen Schweißtropfen markierte…

So konnte das nicht weitergehen – also rüstete ich ebenfalls nach. Und seitdem sind wir begeisterte Ebiker. Wir lieben es, bei schönem Wetter durch die Wälder zu flitzen – immer brems- und klingelbereit. Und mittlerweile verzichten wir auf Urlaubsfahrten mit unserem Cabrio, weil wir dann unsere Bikes nicht mitnehmen können. In lebhafter Erinnerung ist uns beispielsweise der Aufenthalt in St. Tropez, wo wir den Stau der Luxuskarossen zum Parkplatz des Clubs 55 ganz elegant überholten, um unsere Bikes in erster Reihe mit Blick auf die Schönen, die Reichen und das Meer zu parken…

© Fotos (alle): Norbert Küpping
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